Ich trag‘ meiner Heimat Gesicht von Ruth Geede

Manchmal ist es ein Lächeln. Oder auch nur die Andeutung eines solchen; ein Vertiefen der Falten in den Augenwinkeln, deren leichte Schräge heller ist als die Haut der Stirn. Als hätten sich die Augen sehr oft zusammengezogen, um in den Himmel, in das Licht, in die Weite zu blicken. Und ein kaum merkbares Heben der Mundwinkel, das dem Gesicht einen Ausdruck von stiller Zufriedenheit verleiht.

Manchmal ist es eine Bewegung. Ein leichtes Senken der Hand: Ach, laß doch, was soll’s! Oder ein Abwinken: Das ist doch alles nicht so schlimm. Kein Negieren, keine Resignation, eher ein selbstverständliches Sichfügen. Und dann eine Aufwärtsgebärde beider Hände: Es wird schon alles wieder werden, sollst es sehen!

Und immer ist es die Stimme. Dieser weiche Tonfall, der auch nach Jahrzehnten des Fernseins von dem Land, das Heimat war, ist und bleibt, die Dominante bildet oder unterschwellig mitklingt. Der schon bei den ersten Worten erkennen läßt, daß man irgendwo zwischen Weichsel und Memel seine Wurzeln hat: in Ostpreußen!

Ja, so sagt man: irgendwo. Und: in Ostpreußen. Vielleicht ist es das Eigenartige, das vielleicht Einmalige dieses Landes und seiner Menschen, daß es hundert Gesichter hat – und doch im Grunde nur ein Gesicht. Daß ihm Prußen und Goten, Lübische und Westfalen, Holländer und Schweizer, Hugenotten und Salzburger, Kuren, Litauer und Masowier seine Züge gaben. Sie formten das Land, und das Land formte sie.

Wer in Ostpreußen geboren wurde, hat dies auch in seinem späteren Leben nie verleugnen wollen und schon gar nicht können. Wir Ostpreußen, wir erkennen uns: an dem Lächeln, an den Bewegungen, an der Sprache. Und noch durch so manche Eigenart, die einem Nichtostpreußen kaum bewußt wird, die uns aber so vertraut ist, oft schon auf den ersten Blick. Manchmal auch nach einem vorsichtigen Herantasten, das einem das alte Kinderspiel in Erinnerung bringt: Bist du’s oder bist du’s nicht?

Die Kinder, die in unseren Dörfern oder auf den einsamen Höfen aufwuchsen, pflegten, wenn sie einen neuen Gefährten in ihren Spielkreis aufnahmen, zu fragen: „Wem’s bist?“ Und die Antwort war ebenso knapp, aber sie genügte: „Baltruschens Franz“ oder „Sudaus Lene“! Manchmal möchte man das auch heute noch tun, wenn einem das Gesicht eines Unbekannten so gar nicht fremd vorkommt. Aber wir tasten uns lieber vorsichtig heran: Wer bist du? Sind wir nicht beide, du und ich, Kinder unserer Mutter Ostpreußen?

Und dann die Gewißheit. Auch wenn man sich noch nie im Leben begegnet ist – auf einmal sind sie da, die unsichtbaren Fäden, die sich in Blick, Wort und Gebärde zusammenknüpfen, und sich auf manche Wunde legen, die noch immer nicht vernarbt ist. Weil sie die Trauer um die verlassene Heimat noch immer hoffen hält, auch wenn andere Menschen glauben, man hätte alles längst vergessen. Weil wir nicht mehr darüber sprechen, denn wir würden doch nur auf Unverständnis stoßen. Oder auf Ablehnung: Das ist doch schon so lange her! Und ihr habt es doch geschafft!

Ja, das wird anerkannt. Ach, ihr Ostpreußen! hört man sie oft sagen. Manchmal mit offener Verwunderung und verborgener Bewunderung: Eure Zähigkeit müßte man haben. Aber ist man wirklich so belastbar, so hart zu sich selbst, – oder ist es nicht nur eine Art Trotz, ein Aufbegehren, im Grunde doch ein Vergessenwollen?

Wir haben im Fluchtgepäck etwas mitgenommen, das uns niemand nehmen konnte, eine Art eingebautes Sicherheitsnetz, mit dem man aufzufangen versucht, was unvermeidlich erscheint. Der Ostpreuße steht mit beiden Beinen auf der Erde, und er paßt auf, daß er fest steht. Unser großer Lehrmeister ist die Natur, die in unserer Heimat die Dominante bildet und der wir uns fügen mußten. Wir haben es unbewußt noch im Gespür, eine Sicherung nach allen Seiten wie das Wild in den Wäldern daheim, wenn es abends aus der Dickung tritt. Wohl ein Erbe derjenigen, die vor uns waren, die das Moor ausschneckten und die Wälder rodeten, die säten und ernteten und der Not der bösen Jahre trotzten. Die große Wildnis einer gar nicht so fernen Zeit war voller Gefahren und voller Wunder. Beide zu erkennen – das ist vielleicht ein Geheimnis, das uns half, vieles zu überwinden, zu bestehen, zu verkraften. Wobei nicht immer nur ein stilles Dankgebet zum Himmel geschickt wird, sondern auch ein handfester Fluch.

Wie überhaupt das Sich-freuen-Können und das Sich-gedulden-Müssen sehr dicht nebeneinander stehen. Wir haben dafür ein treffendes plattdeutsches Sprichwort: „Lache on Griene en eenem Sack“, wobei das „Griene“ soviel wie „kläglich weinen“ bedeutet.

Diese Sturheit, diese Dickschädeligkeit, dieses Verkriechen in das eigene Schneckenhaus, wenn einem etwas nicht paßt. Und dann eine plötzliche Heiterkeit, ein breites Lachen, ja, eine unbändige Fröhlichkeit – so einfach in der fast kindlichen Freude am Witz, am Wortspiel, am Erkennen der menschlichen Schwächen, auch der eigenen. Manch einer, der uns nicht kennt, schüttelt verwundert den Kopf, wie fröhlich es zugehen kann, wenn Landsleute sich treffen. Welchen Geräuschpegel dann solch eine „Plachanderstundchen“ erreichen kann – auch ohne jedes hochprozentige ostpreußische Stimulans wie Bärenfang oder Pillkaller – , das ist schon erstaunlich.

Die Salzburger, die wegen ihres evangelischen Glaubens aus dem Erzbistum Salzburg ausgewiesenen Exulanten, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in das von der Pest wüst gewordene Alt-Preußen kamen, haben einen gehörigen Teil zu der Mentalität der Ostpreußen beigetragen.

Wie Agnes Miegel über ihre Salzburger Ahnen schrieb: „Das dank ich Euch: Das schwere Blut der Niederung, das sachte Blut von Werft und Deich, durch Euer Blut ward’s wieder jung und liederfroh und weich und reich …“ Sie brachten die heitere, die leichtfüßige, die erzählfreudige Komponente in das ostpreußische Kaleidoskop. Und doch mutet es einen fast rätselhaft an, daß die Hochgebirgler hier in der weiten Ebene heimisch werden konnten. Schon ein Jahr nach der Ansiedlung schrieben einige Exulanten in die verlassene Heimat „… und haben viel mehr Gutes empfangen, als sie uns vorgesagt haben. Und sind, Gott Lob, in ein gutes Land gekommen und gefällt uns gut …“

Das gute Land! Viele Siedler und Glaubensflüchtlinge, die im Laufe der Jahrhunderte in die alten prußischen Gaue gekommen waren, hatten es da leichter gehabt, weil die Landschaft der verlassenen entsprach. Sie behielten über Generationen auch ihre Muttersprache, vor allem die aus den Grenzländern übergesiedelten Bevölkerungsgruppen wie die Masowier und die Litauer. Es gab in Ostpreußen Mundarten und Dialektfärbungen wie es im Verlauf der Geschichte Ostpreußens Stämme gegeben hat, die das Land in größeren Gruppen besiedelten. So ist auch die Sprache das Spiegelbild der deutschen Siedlungsgeschichte Ostpreußens, von den ersten Siedlern aus dem niederdeutschen Sprachgebiet der westlichen Ostseeländer und der Nordseeküste, über die mitteldeutschen Zuwanderer aus Thüringen und Sachsen, die hochdeutsch sprechenden Schlesier im Ermland bis zu den französisch sprechenden Hugenotten, den aus Holland kommenden Mennoniten und schließlich den Schweizern und Salzburgern. Die Sprache der Urbevölkerung, der Prußen, aber hinterließ ihre Klangfärbung in den breiten Vokalen und weichen Konsonanten in unserem Dialekt – bis heute mehr oder minder spürbar.

Dominierend als Umgangssprache im größten Teil Ostpreußens war bis in unsere Zeit das Platt, das Niederpreußische, das sogar bis in das 18. Jahrhundert hinein die Alltagssprache an der Königsberger Universität, der Albertina, war. Und wer weiß schon – außer uns Ostpreußen – daß eines der schönsten deutschen Liebeslieder, das „Ännchen von Tharau“, von Simon Dach für die Pfarrerstochter Anna Neander aus dem nahe bei Königsberg gelegenen Tharau als Hochzeitsreigen in Platt geschrieben wurde: Anke von Tharau ös de mi gefällt, se ös min Leween, min Goet und min Gölt!

Das Gedicht spricht von Liebe und Treue, vom festen „Bienanderstaht“ – vom Zusammenhalten in guten und schweren Zeiten. Das war für die Menschen unerläßlich. Denn nur so konnten sie alle Anforderungen des Lebens bestehen, und die waren hart in dem Land der kalten Winter und heißen Sommer. Man mußte sich schon tüchtig abrackern, wenn man etwas erreichen wollte. „Wo ist ein Leben so hart, Mutter, wie deines war?“ fragt Agnes Miegel in ihrem Gedicht „Über die Weichsel drüben …“

Für ihren Fleiß waren schon die Prußen bekannt, die – wie Tacitus in seiner Germanie berichtet – besonders emsig im Anbau von Getreide und Früchten waren. Sie mußten alle fleißig sein, die im Laufe von 700 Jahren in dieses Land kamen, denn kein soziales Sicherheitsnetz fing sie auf wie unsere Bürger heute. Und diesen Fleiß haben die Ostpreußen bis heute bewahrt und er steht an erster Stelle, wenn nach ihren primären Eigenschaften gefragt wird.

Dazu nennt man auch die Bescheidenheit – ich möchte sie eher als Genügsamkeit bezeichnen. Aber fühlt man sich ärmer, wenn man die Grenzen für Wünsche und Ziel so abgesteckt hat, daß alles im machbaren Bereich bleibt? Nicht umsonst hat unser Land den größten deutschen Philosophen hervorgebracht, dessen Worte uns immer ein Maßstab waren und bleiben: „Reich ist man nicht durch das, was man besitzt, sondern mehr noch durch das, was man mit Würde zu entbehren weiß!“ Protzentum und Angeberei sind dem Ostpreußen ebenso fremd wie Lobhudelei. Er hat nie zu großen Worten geneigt, und wenn sich Pathetisches breitmachte, war es aufgepfropft und wuchs nicht an. „Die Ostpreußen sind die reinste und beste Prosa-Natur Deutschlands!“ befand der Schriftsteller und Historiker Ferdinand Gregorovius. Er mußte es wissen, denn er stammte aus Neidenburg.

Mit der Genügsamkeit geht die Sparsamkeit Hand in Hand, aber sie läßt den Geiz vor der Türe. „Gniefkes“ sind nicht beliebt. Von ihnen heißt es „Das ist ein richtiger Rachull!“ Diese Bezeichnung beruht auf dem alten Volksmärchen von einem habsüchtigen Menschen, der in seiner Gier nach Reichtum dem Teufel seine Seele verkauft und schließlich um alles geprellt wird. Das war der Rachull! Na ja, solche gibt es eben auch unter den Ostpreußen genau wie Sturköpfe und Dickschädel, die partout ihren Willen durchsetzen wollen. Manche nennen es Beharrlichkeit. Die geht aber ruhiger und überlegener vor, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Und entspricht damit viel eher der Mentalität der Ostpreußen.

Gespart wird aber nicht, wenn Gäste kommen, beileibe nicht. Die Gastfreundschaft war auch schon den Prußen heilig und ist es bis heute geblieben. Wenn Besuch kommt, wird aufgetischt, was Küche und Keller hergeben. Und wehe dem Gast, der nicht zulangt! Wenn im alten Preußen gefeiert wurde, dann aber tüchtig. „Saure Wochen – frohe Feste!“ hieß für die Ostpreußen das Zauberwort, das auch den längsten und härtesten Winter überstehen ließ. „Es ist kalt hier und Schnee, aber froh ostpreußisch!“ schrieb der Sachse Joachim Ringelnatz bei einem Besuch in Rastenburg, der Heimatstadt seiner Frau „Muschelkalk“. Froh ostpreußisch – kürzer und treffender kann man es nicht ausdrücken, wie die Ostpreußen feiern. Die großen christlichen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten wurden sogar drei Tage lang gefeiert, den dritten nannte man den „awge-broacht Fierdoag“, den abgebrochenen Feiertag. Dieser war in Preußen bis Ende des 18. Jahrhunderts tatsächlich ein offizieller Feiertag, denn wurde er abgeschafft. Aber er blieb bis in unsere Zeit der „awgebroacht Fierdoag“, an dem nur das Nötigste verrichtet wurde. Dann ging man wieder zufrieden an die Arbeit, die keinen festen Stundentag kannte.

Viele dieser Eigenschaften, die den ostpreußischen Menschenschlag geprägt haben, wurden bewahrt. Und wenn sie auch negiert, ja sogar verhöhnt wurden – heute sind sie wieder gefragt, die „preußischen Tugenden“, denn man hat eingesehen, daß ohne sie „kein Staat zu machen ist“.

Und noch eine gehört dazu, vielleicht die vornehmste aller Eigenschaften: die Hilfsbereitschaft. Sie zeigt sich besonders in Notzeiten, und davon gab es viele in der Vergangenheit, wenn Krieg und Pest die Höfe wüst werden ließen, wenn die Tartaren mordend und brennend durch das Land zogen, wenn schwere Unwetter Saat und Ernte vernichteten. Da half nur ein festes „Bienanderstahn“. Wer einmal Not gespürt hat, macht das Herz empfänglich für fremdes Leid. Ein Beispiel: Als 1734 das Gemeindeamt Gerskullen abbrannte und die Amtsmännin weinend vor dem Nichts stand, gab ihr eine Salzburgerin von ihrer mitgebrachten Leinwand und einen Dukaten – sie, die als Exulantin gerade ein Dach über den Kopf bekommen hatte.

Diese Hilfsbereitschaft hat den Ostpreußen in der schwersten Zeit geholfen, die sie je zu überstehen hatten: bei der Vertreibung aus der Heimat und in den Jahren danach. Und sie ist noch heute spürbar. Denn was wäre wohl die „Ostpreußische Familie“ ohne sie? Diese Rubrik im Ostpreußenblatt hat sich schon längst zu einer Institution entwickelt, die dank ihrer Leserschaft hilft, Wünsche zu erfüllen und bei der Suche nach noch immer Vermißten zu helfen. Und da sind wirklich schon wahre Wunder geschehen! Wenn man den Helfenden dankt, heißt es einfach: „Das ist doch unsere Pflicht!“ Wie schreibt Hermann Sudermann in einem Gedicht, das nach dem Ersten Weltkrieg entstand: „Wir sind Pflichtvolk, wir sind Preußen, das ist uns genug an Wert!“

Kraft haben die Ostpreußen gebraucht, Kraft und Mut, um alle Schicksalsschläge zu überstehen: den Verlust von Heimat und Habe, Verschleppung, Gefangenschaft, Flucht, Anfeindungen, Verleumdungen – bis heute. Und haben bewiesen, daß sie so sind, wie der große Schauspieler Paul Wegner seine Landsleute gesehen hat: „Ich glaube, daß es des Ostpreußen Bestes ist, daß er nicht auf- und nicht des Scheines wegen nachgibt, sondern den Mut und die Kraft hat, er selbst zu sein.“

 

Quelle: http://www.webarchiv-server.de

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