Von prussischen „Klans“ bis zur Gegenwart / Ostpreußen – ein Abriß zur Geschichte

Mit der Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges seien 700 Jahre Geschichte Ostpreußens brutal beendet worden – so ist immer wieder zu hören und zu lesen. 700 Jahre Geschichte – eine stolze Zahl, und dennoch ist sie weit untertrieben. Die Wurzeln Ostpreußens reichen nämlich weit tiefer in die Vergangenheit.

Schon der antike römische Chronist Tacitus (55 bis 115 n. Chr.) schrieb von den Urbewohnern Ostpreußens, den Prußen oder Pruzzen, die nicht nur dem Land den Namen Preußen vermachten. Auch die typischen ostpreußischen Familiennamen mit Endungen wie -eit, -at oder -a deuten auf prußische Herkunft. Tacitus hielt sie für Germanen. Das waren die „Altpreußen“ aber ebenso wenig wie Slawen. Gemeinsam mit Litauern oder Letten bildeten sie die eigenständige Gruppe der baltischen Völker.

Das Prußenland gliederte sich nach den „Klans“ in elf Gaue, deren Namen sich bis in die Gegenwart erhalten haben: Pomensanien, Pogesanien, Natangen, Nadrauen, Samland, Sudauen, Galinden, Warmien, Sassen, Schalauen und Barten.

Diese Prußen waren ein wehrhaftes Volk, das sich immer wieder Angriffen ausgesetzt sah. Im 9. Jahrhundert bedrängten die Wikinger das Land. Kaum war dieser Spuk einigermaßen ausgestanden schoben sich seit etwa 1000 n. Chr. Russen und Polen gegen die Grenzen Ostpreußens.

Und sie bissen sich die Zähne aus: Im 13. Jahrhundert gelang es den Prußen gar, den Polen im Gegenangriff das Kulmerland an der Weichsel zu entreißen.

Jetzt sah sich der polnische Fürst Konrad v. Masowien um Hilfe von außen um. Er zielte dabei auf den wunden Punkt der lästigen Nachbarn: Die Prußen waren Heiden. Im Zeitalter der Kreuzzüge eine in den Augen der Christenheit schwere Sünde.

So gewann Konrad den im Jahre 1198 in Palästina gegründeten Deutschen Orden im Winter 1225/26 als militärischen Bundesgenossen. Mit dem Segen von Papst und Kaiser (Goldene Bulle von Rimini 1226) setzte der Orden im Frühjahr 1231 über die Weichsel. Der Papst nahm das Kulmer Land und alle Teile des Prußenlandes, die der Orden erobern würde, ins Eigentum des Heiligen Stuhls und verlieh sie dem Orden zu ewigem freien Besitz. Nach damaliger Rechtsauffassung konnten Papst und Kaiser über heidnisches Gebiet frei verfügen.

Die Prußen mochten diese Rechtsdeutung natürlich nicht teilen und wehrten sich heftig. Am Ende mehrjähriger Kämpfe stand ein Vergleich, der Vertrag von Christburg 1249: Die Pomesanischen Prußen verpflichteten sich, zum Christentum überzutreten, und erhielten dafür alle persönlichen Rechte.

1255 wurde die Burg Königsberg gegründet, und bis 1283 eroberte der Orden schließlich das ganze Prußenland. Diese militärische Christianisierung war kein isolierter Vorgang: So gingen die Skandinavier zur selben Zeit in Finnland und Dänemark, der Schwertbrüderorden im Baltikum vor. Die Unterwerfung und Christianisierung heidnischer Völker galt seinerzeit für genauso tugendhaft wie heutzutage mancherorts die gewaltsame Durchsetzung der Menschenrechte – schließlich rettete man, so die allgemeine Überzeugung, die unterworfenen Seelen vor der Verdammnis. Heutige Versuche, den Feldzug des Ordens als nationalistische Aggression umzudeuten, sind kaum mehr als ein Ausdruck völligen Unverständnisses des mittelalterlichen Denkens.

Die prußische Sprache übrigens erhielt sich noch bis ins 17. Jahrhundert. Noch Anfang des 16. Jahrhunderts sah sich Herzog Albrecht gezwungen, den lutherischen Katechismus ins Prußische übersetzen zu lassen, um die neue Lehre allgemein verbreiten zu können. Dann jedoch erlosch die alte Sprache nach und nach, die altpreußische Bevölkerung verschmolz mit den deutschen Zuwanderern. Es entstand der deutsche Stamm der Ostpreußen, der über die Jahrhunderte durch mehrere Einwanderungswellen um weitere Facetten bereichert werden sollte.

Unter der Ägide des Deutschen Ordens erwuchs in Ostpreußen in atemberaubender Geschwindigkeit eine bedeutende europäische Kulturlandschaft an der Schnittstelle zwischen dem Reich und dem Baltikum sowie der Ostsee und den Weiten Osteuropas. Bis Ende des 14. Jahrhunderts wurden 1.400 Dörfer und 97 Städte gegründet.

Für den schnellen Aufstieg stand die für damalige Zeiten vorbildliche Organisation des Ordensstaates: Mustergültige Finanzwirtschaft, vorbildliche Krankenfürsorge, ein ausgedehntes Bildungssystem von Pfarr-, Dom- und Stadtschulen und sogar ein vollkommen neuartiges Postsystem ließen das Land erblühen. Die architektonischen Sehenswürdigkeiten in landestypischer Backsteingotik zeugen vom rasanten Aufstieg der ganzen Region.

Indessen verschärften sich im 14. Jahrhundert die Konflikte mit den Nachbarn Polen und Litauen. Als schließlich 1386 der litauische Großfürst Jagiello die polnische Königin Hedwig heiratete, stand dem Ordensstaat ein geradezu übermächtiger Feind gegenüber. 1410 erlitt das Ordensheer eine bittere Niederlage in der Schlacht bei Tannenberg. 1422 wurden Ost- und Südgrenze des Staates neu festgelegt – sie sollte bis 1919 beziehungsweise 1945 Bestand haben und wurde somit zu einer der dauerhaftesten Grenzen in Europa.

Von inneren Streitereien zwischen den Ordensrittern und dem „Preußischen Bund“ des Adels und der Städte geschwächt, gelangte Ostpreußen 1454 unter die Oberhoheit des Königs von Polen. „Oberhoheit“ bedeutete indes nicht, daß das Gebiet nunmehr polnisch wurde. Dies war vom polnischen König auch gar nicht beabsichtigt – so wie derlei nationale Kategorien in jener Epoche ohnedies so gut wie keine Rolle spielten. 1466 aber gelangte das spätere Westpreußen mit dem Ermland als autonomes Gebiet ganz unter die Krone Polens – Preußen blieb für 300 Jahre geteilt, ein herber Schlag.

1510 erfolgte der nächste Einschnitt in der ostpreußischen Geschichte: Mit Markgraf Albrecht von Brandenburg-Ansbach wurde erstmals ein Hohenzoller Ordens-Hochmeister von Preußen. 1525 wandelte er den Ordensstaat um in ein weltliches Herzogtum. Und zwar in ein protestantisches, im Ge-gensatz zum katholischen Polen. Bis 1657 noch aber sollte eine lose Bindung an die Krone Polens bestehen bleiben, obschon der Herzog von Preußen deutscher Reichsfürst war – für den heutigen Blick sind solche, sich überschneidenden Souveränitätsverhältnisse schwer nachvollziehbar, sind wir doch an klare „Inland-Ausland“-Verhältnisse gewöhnt. Bis ins 19. Jahrhundert hinein jedoch waren solche sich überschneidenden Zugehörigkeits- und Herrschaftsstrukturen gang und gäbe in vielen Teilen des Kontinents. Man denke an England, das von 1714 bis 1837 einen hannoverschen, also deutschen König hatte, oder Polen selbst, welches zwischen 1697 und 1763 von sächsischen Königen regiert wurde.

Um es noch komplizierter zu machen: Auch die Hohenzollern gab es nicht, sondern mehrere Linien. Herzog Albrechts Zweig der Familie starb 1618 aus, die brandenburgischen Hohenzollern traten das Erbe an. Jene Hohenzollern, die später bis 1918 Preußen und schließlich auch Deutschland regierten.

Gleich zu Regierungsantritt hatten jene Hohenzollern, die schon seit über 200 Jahren Kurfürsten von Brandenburg waren, die erste schwere Bewährungsprobe zu bestehen: Den entsetzlichen 30jährigen Krieg. Ihnen gelang es, zumindest Ostpreußen durch geschicktes Paktieren halbwegs heil durch das furchtbare Schlachten und Plündern zu bringen.

Mitten im Krieg bestieg der noch heute legendäre „Große Kurfürst“ Friedrich Wilhelm II. den Thron. Er schuf die Grund- lage jenes preußischen Staatswesens, das wenig später als eines der mo-dernsten der Welt globale Bewunderung – und entsprechenden Neid – auslösen sollte.

Aber wieso „Preußen“? Noch müßten wir sagen „Brandenburg“ oder bestenfalls „Brandenburg-Preußen“! Denn das große Ereignis, in dessen Folge der Name der östlichen Provinz zur Bezeichnung des Gesamtstaates werden sollte, sollte jetzt erst kommen. Bis dato ist Preußen gleich Ostpreußen, weshalb man sich das „Ost“ bis hierhin auch sparte. Daß Berlin und Potsdam „preußisch“ wurden, hat einen simplen Grund: Die Kurfürstentümer Hannover und Sachsen hatten mit England und Polen jeweils bereits eine Königskrone in Aussicht oder schon erlangt. Kur-Brandenburg drohte zweitklassig zu werden.

König werden aber konnte man nur außerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, darüber wachte der habsburgische Kaiser. Der Blick von Kurfürst Friedrich III., dem Sohn des „Großen Kurfürsten“, richtet sich so auf das Herzogtum Preußen. Dies gehörte nämlich zwar zu seinem Herrschaftsbereich, befand sich aber territorial außerhalb des Reichsgebiets.

Nach intensiven Bemühungen gelang es Friedrich, dem Kaiser die Erlaubnis abzutrotzen, sich dort zum König zu krönen. Am 18. Januar 1701 war es endlich soweit: Feierlich setzte Friedrich zuerst sich selbst und dann seiner Frau die Krone auf das Haupt. Er durfte sich fortan König in Preußen (nicht etwa von …) nennen. Eine Kompromißlösung, die nicht lange hielt. Stolz auf die neue Würde begann er die Erbfolgezählung von vorn und nannte sich fortan Friedrich I. – und nach und nach breitete sich so der Begriff „Preußen“ auf den ganzen Herrschaftsbereich der Hohenzollern aus.

Sein Land war durch die Königswürde weder größer noch reicher geworden, weshalb manche später den ganzen Vorgang gern als typisch barockes Imponiergehabe bespötteln mochten. Doch darf man – immer aus der Zeit heraus – nicht unterschätzen, welche (auch politische) Rolle solche Titel zu jener Epoche spielten. Das Haus Hohenzollern hatte den Anschluß nicht verpaßt, und das war schon etwas.

So richtig in Gang kam das, was später unter dem allgemeingebräuchlichen Begriff „Preußen“ Furore machen sollte, erst unter dem Sohn Friedrichs III./I.: Friedrich Wilhelm I. (König von 1713 bis 1740), dem „Soldatenkönig“. Mit der Willenskraft eines Berserkers schuf er einen für seine Zeit äußerst modernen Staat. Auch machte er die Führungsschicht des Landes, den Adel, auf manchmal recht unfeine Weise darauf aufmerksam, daß sie vor allem dem Gemeinwohl zu dienen hätte. Seine Soldaten liebte er so sehr, daß er jeden Krieg so gut wie möglich vermied – auch alles andere als zeittypisch.

In Ostpreußen siedelte der König viele Kolonisten an, darunter 15.000 religiös verfolgte Protestanten aus Salzburg.

Sein Sohn, Friedrich II. (König von 1740 bis 1786), sollte der berühmteste Herrscher von Preußen werden. Seinen Beinamen „der Große“ erhielt er schon zu Lebzeiten, in fortgeschrittenem Alter nannten ihn seine Untertanen dann „Alter Fritz“, und so ist er bis heute in Erinnerung.

Ihm gelang es, das seit 1466 abgetrennte Westpreußen 1772 zurückzugewinnen. Jetzt war Ostpreußen nicht mehr vom übrigen Staatsgebiet abgetrennt und die amtlichen Provinznamen Ost- und Westpreußen traten auf.

1807 suchte der Napoleonische Krieg auch Ostpreußen heim (Schlacht bei Preußisch Eylau). Die Truppen Bonapartes zogen 1812 durch die Provinz Richtung Moskau. Schrecklich dezimiert schoben sich noch zum Ende desselben Jahres die Reste der „Großen Armee“ erneut durch Ostpreußen. Von hieraus sollte dann auch die Befreiung Deutschlands vom Franzosen-Joch ihren Ausgang nehmen. General v. Yorck schloß einen Vertrag mit Rußland und rief Anfang 1813 die ostpreußischen Stände mit Erfolg zu den Waffen. Der Rest ist bekannt: Völkerschlacht bei Leipzig, Blüchers Übergang über den Rhein, Waterloo.

Für Ostpreußen folgten jetzt 100 Jahre Frieden. Bis 1914, als die Russen in die Provinz einmarschierten und große Teile unter ihre Gewalt brachten. „Gewalt“ ist wörtlich zu nehmen, viele Bilder von Flucht und Zerstörung erinnern fatal an das, was kaum 30 Jahre später erneut über dieses Land rollen sollte.

Doch noch einmal konnte das Schicksal gewendet werden: Bei Tannenberg und an den Masurischen Seen im August und September 1914 konnten die russischen Eindringlinge empfindlich geschlagen werden. Im Februar 1915 dann gelang es gar, ganz Ostpreußen wieder freizukämpfen.

Dennoch, der Krieg ging verloren. Nach dem Versailler Friedensdiktat wurde Ostpreußen erneut zur Insel, da ein großer Teil Westpreußens ohne Volksabstimmung zu Polen geschlagen, Danzig zur „Freien Stadt“ erklärt und unter Völkerbundsaufsicht gestellt wurde. Das Memelland sollte zunächst ebenfalls Freistaat werden, aber Litauen annektierte 1923 das Gebiet im Handstreich.

Im Süden Ostpreußens wurden Volksabstimmungen abgehalten über die Frage der künftigen Zugehörigkeit. Das Ergebnis war eindeutig: 97,86 Prozent für das geschlagene Deutschland, 2,14 Prozent für das 1916 wiederbegründete Polen.

Während der Weimarer Zeit bedrohten wirtschaftliche wie politische Probleme die vom Reich abgetrennte Provinz. Durch Einrichtung eines Seedienstes, einer eigens aus der Taufe gehobenen „Ostmesse“ und eines Flughafens in Königsberg versuchte die Berliner Regierung der Probleme einigermaßen Herr zu werden.

Ausgerechnet nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gelang es 1934, mittels eines Freundschaftsvertrages die problematischen Beziehungen zu Warschau vordergründig zu entkrampfen. 1939 kehrte gar das Memelgebiet von Litauen nach Deutschland zurück.

Drei Jahre nach dem Beginn des deutsch-russischen Krieges 1941 rollte die sowjetische Feuerwalze im Oktober 1944 erstmals über die ostpreußische Grenze. Für wenige Monate gelang es jedoch, einige Gebiete im Osten der Provinz im Raum Goldap noch einmal zurückzuerobern. Dabei machten die Soldaten einen grausigen Fund: Rotarmisten hatten in dem Ort Nemmersdorf ein furchtbares Blutbad unter der Zivilbevölkerung angerichtet.

Als im Januar 1945 die Ostfront dann endgültig zerbarst, nahm eine Katastrophe ihren Lauf, die die Welt so noch nicht gesehen hatte. Die Tragödie von Flucht und Vertreibung hier auch nur annähernd angemessen schildern zu wollen, würde den Rahmen sprengen. Bald war Ostpreußen von Süden her eingeschlossen. Jetzt blieb nur noch der Weg über See: Die Marine leistete hier unvorstellbares. Hunderttausende aber kamen nicht mehr weg. Allein in Königsberg blieben rund 110.000 Menschen zurück, von denen etwa 70.000 in den Jahren 1945 bis 1947 an Hunger und Entbehrungen zugrunde gingen. Vor allem Frauen, Kinder und Greise. 614.000 Ostpreußen, fast ein Viertel der gesamten Bevölkerung, überlebten Krieg und Vertreibung nicht, zwei Drittel davon waren Zivilisten.

Die zwangsweise Massenaussiedlung fast der gesamten deutschen Restbevölkerung war bis etwa Ende 1947 weitgehend abgeschlossen.

Ostpreußen wurde aufgeteilt: Das Memelland kam unter litauische Verwaltung, der übrige Norden unter russische und der Süden unter polnische.

Gerade vertriebene Ostpreußen aus dem südlichen Teil versuchten schon bald wieder Kontakt zu knüpfen zu ihrer Heimat. Der russische Teil war bis 1991 militärisches Sperrgebiet. Seit dem Ende des Kommunismus aber hat sich ein vielfältiges Geflecht aus Beziehungen von vertriebenen Ostpreußen sowie ihren Nachfahren mit den heutigen Bewohnern ihrer Heimat gebildet. In Deutschen Vereinen haben in der alten Provinz die Reste der deutschen Bevölkerung zusammengefunden.

Quelle: Mit freundlicher Unterstützung von www.preussische-allgemeine.de

Autor: Hans Heckel

Comment ( 1 )

  1. Brauchen wir Glaubenskriege? - Mrs. Eastie
    […] – und zwar mit Gewalt. Fast niemand weiß etwas über die Geschichte der heidnischen baltischen Prußen, den Ureinwohnern Ostpreußens, die komplett christianisiert wurden. Wichtig vielleicht nur, dass […]

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