Die Sprache der Ostpreußen – E Krepsch voll ostpreußischer Mundart

Die eigentliche Sprache der Ostpreußen geht auf den baltischen Stamm der Indogermanen zurück. Im Laufe der Jahrhunderte sind aus deutschen und europäischen Ländern Menschen eingewandert, die ihre eigenen Mundarten mitbrachten. Aus diesen verschiedenen Dialekten hat sich die Sprache der Ostpreußen entwickelt, die natürlich durch Wortbildungen der eingewanderten Flamen, Holländer, Salzburger, Litauer, Masuren, Polen und Franzosen durchsetzt worden ist.

In Königsberg sprach man ein gutes Hochdeutsch, auf dem Bau und im Hafen bevorzugten die Arbeiter und Stauer jedoch das gemütliche, breite ostpreußische Platt. Die Landbevölkerung bediente sich ausschließlich der heimatlichen Mundart, es war gar nicht so selten, dass sie überhaupt kein Hochdeutsch beherrschte.

Begriffe wie Lorbaß und Marjellchen sind weit über die Grenzen Ostpreußens bekannt, mit dem Marjellchen verbindet sich die Vorstellung eines drallen, druggligen (klein, mollig) und trautsten Mädchens, das, je nach Laune, mit luchternen Augen plinkern, auch kalbern, jachern und quiddern, dann aber auch glubschen und mucksch sein konnte. Falls der Marjell etwas nicht passte, zog sie eine Flunsch, griente oder plinste gar verstohlen, sie beschätterte sich vor Lachen, wenn sie einen spiddrigen, klabastrigen, dürren Spachheister bzw. einen Gnaschel, Gnubbel, Gnurpel oder Gnos sah. Dann sprach man von einer Schätterlies!

Die Charakterisierung des männlichen ostpreußischen Wesens ist vielschichtiger, hier gibt es sehr feine Unterschiede. Fangen wir beim Lorbaß an, der eigentlich ein ungezogener Junge, ein kleiner Rumtreiber ist. Dagegen bezeichnet man mit Bowke einen Straßenjungen, einen noch liebenswerten, kiewigen, kleinen Spitzbuben, während der Rabauke eine Steigerung, eine Art Flegel bedeutet. Die folgenden Begriffe stammen aus den Bereich der Schimpfworte, deren Zahl schier unerschöpflich ist: So ist ein Racker liederlich, ein alter Lachudder ein Lümmel, und Laukse und Labummels würde man heute Halbstarke nennen. Auch Luntrusse und Schubbiaks fallen in diese Kategorie, ohne dass man diese Ausdrücke genau definieren könnte.

Man machte wohl seinem Herzen kräftig Luft, doch es war oft nicht böse gemeint, man war nicht nachtragend. Wenn man sich allerdings Krät (Kröte), Beestkrät oder gar Aaskrät an den Dassel warf, war die Wut groß! Stellte sich ein Mitmensch sehr ungeschickt an, dann war er eben dußlich oder schußlich, ein Dammlack, ein Dammelskopp, ein Kumstkopp, ein dreibastiger Pomuchelskopp, oder er hatte den Rappel und keinen Grips im Kopp. Ein Paslack ließ sich von anderen Menschen ausnutzen, war unterwürfig und hatte keinen Stolz.

Doch die Ostpreußen konnten nicht nur kräftig schimpfen, sie waren auch lieb zu einander und hatten für Liebesbeziehungen eigene Ausdrücke. Erst huckte man sich auf eine Bank, man befrunschelte sich, dann rückte man näher und knutschte und buttschte sich.

Dem ostpreußischen Nachwuchs waren besonders hübsche Ausdrücke gewidmet. Die Kleinkinder wurden betuddert, was so viel wie verwöhnt bedeutet. Der Lutschpungel, den man den plärrenden Kleinen honigversüßt oder in Farin getaucht in den Mund schob, war eben ein kleiner Pungel (Säckchen) zum Lutschen. Doch die meisten Säuglinge suckelten an der Mutterbrust, die Flasche war die Ausnahme. Ein Kind, das während des Stillens nicht ruhig blieb, bezeichnete man als einen lieben Ruscheldupps wobei man mit Dupps allgemein das Hinterteil eines Kleinkindes bezeichnete. Schlief ein Brustkind während des Stillens ein, erhielt es einen Sternicksel (leichter Stoß in den Nacken) oder man buggerte es etwas, und schon konnte die Fütterung fortgesetzt werden. Dabei beschlabberte, benuschelte und bekleckerte der Säugling natürlich die ganze Kledasche. War man älter, wurde aus dem Sternicksel ein Mutzkopp, (Kopfnuss, Ohrfeige) oder man drohte: „Eck tachtel die eene!“

Ein echter Ostpreuße war kein Kostverächter, er nahm gern „einen kräftigen zur Brust“ und kippte sich manchmal die Schlorren voll, wenn er vor Kälte bibberte und es draußen stürmte und stiemte. Hatte jemand zu viel getrunken, war er auch im Stiem oder duhn, hatte sich die Tuntel begossen mit Hilfe einiger Tulpchen Bier. Dagegen war das Blubberwasser kein Getränk, sondern die Bezeichnung für einen Menschen, der ununterbrochen schabberte. „Prost, wer nuscht hat, der hoost!“ Berühmt und berüchtigt war die Wirkung unseres Kopskiekelweins, (Johannisbeerwein) der aus einem lammfrommen Ostpreußen einen lautstarken Krakeeler machen konnte, der oft aus dem Krug flog, weil er sich kabbeln wollte. Hatte er Pech, erwartete ihn seine bessere Hälfte mit Patscheimer und Wischkodder an der Wohnungstür, und dann ging es ihm wirklich koddrig!

Drehte der Ostpreuße im Allgemeinen auch jeden Pfennig um, bevor er ihn ausgab, so war er doch kein ausgesprochener Gniefke, beim Feiern war er mittenmang, er stand mitten drin. Von einem Krösus sagte man: „De hart Jeld wie Hundsschiet!“

Einen besonderen Stellenwert nahm das Wort Dubbas (auch Dingslamdei) ein. Ein Dubbas oder auch das Dingslamdei kann alles sein, ein unbestimmter Begriff für etwas, wofür man das rechte Wort nicht findet. Soll man z.B. einen komplizierten Vorgang an einer Maschine erklären, und sind die richtigen Fachausdrücke nicht zur Hand, so hilft man sich folgendermaßen: Der vordere Dubbas, das Dingslamdei, bewegt mit dem kleinen Hebel den hinteren großen Dubbas usw…

Was macht der Uhrmacher? Antwort des Ostpreußen: „Er maddert an nem Seeger (Uhr) rum“! Mit dem Wort maddern kann man sich auch gut weiterhelfen, es bedeutet so viel wie sich mit einer Sache beschäftigen, von der man nicht viel versteht. War es eine besonders schwierige Aufgabe, so kniewelte, prudelte oder prickelte man an einer Sache herum. Handelte es sich um eine körperlich schwere Arbeit, so wurachte man und blieb in der Regel doch ein armer Pracher. Andererseits war ein so genannter Rachuller ein Mensch, der gierig das Geld zusammenrafft, bei seinen Mitmenschen nicht beliebt, er war in seinem Charakter zu glabbrich, zu glibbrich, und das schätzte man nicht, er war einfach zu jieprich.

Auch für das Fortbewegen hatte der Ostpreuße sehr unterschiedliche Bezeichnungen. Lief jemand unnötig viel hin und her, so pirzelte er, geschah dieses Pirzeln unterwürfig, um jemand zu gefallen, dann scharwenzelte er um ihn herum. Dagegen bedeutete das Wort Scheiweln so viel wie nachlässig gehen, man scheiwelte sich die Hacken ab oder schief. Mit Scherweln oder Scherbeln war das Tanzen gemeint.

Oft hatte ein Wort mehrere Bedeutungen. Ein Heemske konnte eine Ameise, aber auch ein sehr hagerer Mensch sein, war jemand träge, so war er einfach mollsch, doch mollsch konnte auch ein ungenießbarer Kruschke sein. Unter einem Gerebbel verstand man verknotete, verkodderte Wollfäden, im übertragenen Sinne aber auch einen großen Menschen. ,Js dat e langes Gerebbel“, staunte man. Diese Beispiele der Doppelbedeutung ließen sich beliebig fortsetzen. Die kleinen Pappkärtchen, auf die Wolle oder Garn aufgewickelt war, nannte man übrigens Dockchen oder Tockchen.

„Verflixter Schiet“, schimpfte man, wenn etwas nicht klappte. Das Wort Schiet hört sich doch wohlwollend, fast zärtlich an im Vergleich zu der hochdeutschen Fassung. Folgerichtig nannte man auch einen Säugling „mien kleenet Schieterche“! Ein strammer Durchfall hieß klar und deutlich Schieterie!

„Aus dir kann noch was werden, nuscht is nu all“, meinte ein ostpreußischer Bauer zu seinem Sohn. Sagt man nuscht, ist dieses noch kein endgültiges „Nein“, sondern erst das „Nuscht nich“ hieß endgültig Schluss, aus. „Eck weet nuscht nich von dem Pacheidel“ = ich weiß nichts von dem Gepäck.

Natürlich hatte die Küche unserer Heimat auch ihre Spezialausdrücke. So stand in einer Ecke dat Schaff, der Schrank, in dem unter anderem dat Gebrassel oder de Brassel untergebracht war. (Kram, Plunder, Gelumpe) Einen missratenen Kuchen nannten wir einen Klietschkuchen. Die bei uns Schlumkes genannte, wenig beliebte Kleckermus-Suppe bestand aus Weizenmehl, Milch und Eiern. Hatten wir ausnahmsweise keinen Hunger, puhlten (stocherten) wir lustlos in der Suppe herum. Dagegen bekamen wir blanke Augen, wenn die fetten Spirkel in der Pfanne schmurgelten und einen herrlichen Duft verbreiteten. Die Spirkel gaben der beliebten Beetenbartschsuppe erst die rechte Würze. Kartoffel- und auch Mehlflinsen schmeckten im kalten und heißen Zustand köstlich. Einen Teller zerschlug man nicht, er wurde zerteppert. Wurde man beim Naschen ertappt, hatte sich die Fuppen vollgestopft, halfen keine Fissematenten, auch kein Schummeln, strietzen war streng verboten.

Nach dem Weihnachtsfest durften wir Kinder den Baum abpliesern, was so viel wie abräumen bedeutet. Der Weihnachtsbaum wanderte nicht wie heute auf die Müllkippe, sondern wurde in kleine Stücke zersägt und im Stubenofen verbrannt. Das ergab ein herrlich knisterndes Feuer, und die ganze Wohnung duftete nach Holz und Harz.

Die mundartliche Berufsbezeichnung , „Barbutz“ ist wohl von dem französischen Wort Barbier (Friseur) abgeleitet. Anfangs nahm die Mutter die Aufgabe des Haarschneidens wahr, jedoch hieß es später: „Morgen musst du aber zum Barbutz“! Den Kopf nannte man übrigens auch Deez oder Dassel, und etwaige Schuppen auf der Kopfhaut Schinn. Mit der Handmaschine wurde mancher Kunde arg gepiesackt, besonders, wenn ein Knubbel im Wege stand.

„Als eck mi im Modder verbiestert had, un es nich mehr pladderte, schien foorts dat Sonnche“. Forts lässt sich eigentlich gar nicht ordentlich ins Hochdeutsche übersetzen, wurde aber als Füllwort viel gebraucht und bedeutete so viel wie sofort, plötzlich.

Die Noaberschen kadreierten gern, was so viel wie in der Nachbarschaft herumschwatzen bedeutet. Man huckte zusammen, oft mit einem Strickstrumpf oder mit halbfertigen Mauchen im Schoß und plachanderte über die Sorgen und Nöte dieser Welt. „Kömmst äwren Hund, kömmst ok äwren Zoagel“, tröstete man sich.

Der Ausruf „Erbarmung“ besagte alles, was einen Ostpreußen in Erstaunen versetzen konnte, er konnte es einfach nicht fassen. Bekam z.B. eine Mutter von 10 Kindern, schon die Wechseljahre hinter sich wähnend, noch einmal Drillinge, stieß der Vater bei dieser Hiobsbotschaft bestimmt den Seufzer aus: „Erbarmung, Erbarmung“! Dieses Wort war also kein Erflehen oder Erbitten, sondern das Wort Erbarmung drückte größtes Erstaunen und große Fassungslosigkeit aus.

Eine weitere Eigenart der ostpreußischen Mundart war die Verkleinerungssilbe „chen“ oder „che“. Vor diesem „chen“ war kein Substantiv sicher – Jungche, Madammche usw. Selbst der liebe Gott musste sich das „leewe Gottche“ gefallen lassen. Es lag viel Liebe und Zärtlichkeit in diesem kleinen Anhängsel, nur beim Kaninchen konnte man beim besten Willen kein weiteres „chen“ anhängen.

„Puscheih doch mal dat kleene Truschche“ war eine Bitte, das Tier besonders vorsichtig und behutsam zu streicheln. Dagegen war das Begrabbeln (Anfassen) grob und derb, wie auch die Drohung „ich hau die eene inne Fress“, doch meistens blieb es bei der Drohung, denn der ostpreußische Mensch war von Natur aus friedlich.

Auch ein einzelner „platter“ Vokal konnte viel aussagen, nehmen wir z.B. das kleine „i“. Auf die Frage „bist du denn auch satt geworden“? kam die Antwort: „J wo, eck hebb doch erscht angefange.“ Dieses einsame „i“ taucht immer wieder, wenn auch in einem anderen Zusammenhang, auf. „J nich doch“, „i nich meeglich“, „i ja“. Das dem eigentlichen Satz oft vorangestellte „ei“ könnte man einerseits mit dem hochdeutschen „nun“ übersetzen, andererseits wird es auch als Ausruf des Erstaunens gebraucht. „Ei wolln wie noch eenen drinke“? (nun, wollen wir …) „Ei kick dem Dammlack!“ (Ausruf). Auch die Frauen auf dem Fischmarkt benutzten dieses „ei“-. „Ei fresche Flundre, ei frische Dersch!“ Wer das echte, unverfälschte ostpreußische Platt hören wollte, der musste die Königsberger Wochenmärkte besuchen, er durfte sich allerdings nicht mit den Marktfrauen anlegen, er zog bestimmt den Kürzeren.

Durchforscht man den Wortschatz der Ostpreußen, stößt man immer wieder auf französische Ausdrücke. So bezeichneten wir einen Flur, eine Diele mit „Entree“ (Eingang), „die Schlorren stehen links im „Entree“. Wir benutzten auch nicht den Bürgersteig, sondern das „Trottoir“. An der Tür eines Geschäftszimmers hing das Schild mit der Aufschrift „Bureau“ oder gar „Comptoir“. Auch das französische Wort Chemisette – laut Brockhaus eine gestärkte Hemdbrust bzw. ein heller Einsatz an Damenkleidern, gehörte zum allgemeinen, nicht nur zum Sprachgebrauch der Gebildeten. Das Wort lameng war eine Verballhomung des französischen „le main“ (die Hand) und bedeutete so viel wie etwas ohne Vorbereitung aus dem Ärmel schütteln – aus dem Stegreif tun. Woher kam die Vorliebe der Königsberger für das vornehme Französisch? Es sind Reste der Sprache, die die nach Preußen und Brandenburg eingewanderten protestantischen Hugenotten gebrauchten. Der Große Kurfürst hatte in dem Edikt von Potsdam (8. November 1685) die Aufnahme und Ansiedlung der Franzosen beschlossen, die ihres Glaubens wegen aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Im Laufe der Jahrhunderte glichen sich Einheimische und Hugenotten immer mehr an, vor allem im Gebrauch der Sprache, doch einzelne Worte haben sich über zwei Jahrhunderte erhalten, man hörte sie noch in meiner Jugend.

Mein „Kreppsch voll ostpreußischer Mundart“ ist gefüllt, es geht „nuscht nich mehr rein“! Natürlich erhebt diese kleine private Sammlung keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Schließlich hat Prof. Dr. Erhard Riemann, der Vater der ostpreußischen Mundartforschung, bis zu seinem Tod am 21. März 1984 mit Hilfe umfangreicher Befragungen im Laufe von 30 Jahren ein unerschöpfliches Archiv herausgebracht, das auf zwei Millionen Begriffe zurückgreift (Preußisches Wörterbuch).

Ich dagegen habe mich vor allem auf mein Erinnerungsvermögen verlassen müssen und war wiederum erstaunt, wie viel ostpreußische Worte in meinem Gedächtnis über viele Jahre hindurch gespeichert waren, ich brauchte sie nur abzurufen. Je intensiver ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe, desto mehr schöpfte ich aus dem Brunnen der Vergangenheit.

Viele Generationen haben Sitte und Sprache in Ostpreußen geprägt, wir leben jedoch heute, über 60 Jahre nach der Vertreibung, außerhalb unseres ehemaligen Sprachraums. Gewiss hat sich noch eine Fülle heimatlicher Begriffe erhalten, mein Kreppsch voll ostpreußischer Mundart beweist es, doch die bange Frage scheint berechtigt: Wie lange noch? Ist die heutige Generation mit ihrem großen Schatz an heimatkundlichem Wissen einmal für immer abgetreten – was dann? Wer kümmert sich in Zukunft um den Fortbestand unseres schönen, gemütlichen Platts? Es ist zu befürchten, dass die lebendige deutsche Sprache auf sie in absehbarer Zeit verzichten muss. Dann werden sich nur noch Sprachwissenschaftler gelegentlich für unsere Mundart interessieren und zum „Preußischen Wörterbuch“ von Prof. Dr. Riemann greifen.

Quelle: Artikel auf Stadtmenschen.de

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