Elf Zwelf oder Ölf Zwölf ?- „Na mein schenes Biebchen, wie geht dich das ?“

Meine Eltern kamen aus dem nördlichen Ostpreußen und zählten immer…neun, zehn, ölf, zwölf…

Unsere Nachbarn kamen aus dem südlichen Ostpreußen und zählten immer…neun, zehn, elf, zwelf…

was war denn nun richtig ?

„Na mein schenes Biebchen, wie geht dich das ?“ , fragte mich meine Nachbarin, „wie alt biste eijentlich ? Biste noch elf oder biste schon zwelf ?“

 

Lustig klang dieser polnisch-russisch gefärbte Dialekt unserer Nachbarn. Sie kamen aus Masuren, einer Gegend im damaligen südlichen Ostpreußen. Heute ist es das nördliche Polen. Naja leicht polnisch hatten die Leute in dieser Gegend ja schon immer gesprochen. (Briederchen ist sich gegang-gen von drieben…) Man nannte sie auch „Wasserpolen“, wegen der vielen Seen, die es in Masuren gab. Die Masuren waren so etwas, wie die Ostpreußischen „Ostfriesen“. Sie lebten ländlich und relativ ärmlich. Man nahm sie also nie so ganz ernst.

 

Ich natürlich auch nicht,  Sie konnten ja noch nicht einmal die deutschen Zahlen richtig aussprechen. Sie sagten:…neun zehn,elf, zwelf. Von meinen Eltern wusste ich doch, dasss es  neun, zehn, ölf, zwölf heißen musste. Ich war damal immerhin schon zehn Jahre alt, kurz vor meinem ölften Geburtstag. Viele aus meiner Klasse waren schon ölf. Ölf, das ist die erste Schnapszahl im Leben. Aber Schnaps trinken durfte ich damals noch nicht. Ich wusste aber schon, dass das As beim Skatspiel ölf Augen zählte.

 

Meine Eltern kamen aus dem nördlichen Teil von Ostpreußen, der heute zu russischen Exklave „Kaliningrad“ gehört. Meine Mutter wurde in Königsberg geboren und ist im Ostsee-Badeort Cranz an der Sanlandküste aufgewachsen. Hier sprach man den typisch Ostpreußischen Dialekt, gemächlich und breitmündig. Das Ei wurde „Äy“ , also fast ein wenig wienerisch ausgesprochen. Mädchen waren „Marjellche“ . Wer kennt ihn nicht den typischen Satz, mit dem der Ostpreußische Dialekt immer charakterisiert wird ? „Komm Marjellche, hast dich bklackert mit das jelbe vom Äy..“

 

Beklackert hatte ich mich auch an meinem ölften Geburtstag, aber ncht mit Ei, sondern mit Kakao. Benehmen war bei mir immer Glücksache. Noch heute kann man auf meinen Brust-Textilien in den meisten Fällen ablesen, was ich gegessen habe. An meinem Geburtstag gab es „Appelflinsen“ (Pfannkuchen mit Apfelstückchen) und „Rader-Kuchen“  Ausgewalzter Mürbeteig wurde mit Hilfe eines kleinen Metallrades in Streifen geschitten, die verknotet und in heißem Fett gebacken wurden.

 

Mein Klassenlehrer gratulierte mir zum Geburtstag und als er mich fragte, wie alt ich denn geworden wäre, sagte ich stolz: „Ölf, Herr Lehrer“

 

Er schaute mich grimmig an und sagte, dass es nicht „ölf“ sondern „elf“ heißen würde. In mir brach eine Welt zusammen. Mein eigener Klassenleher kann nicht richtig deutsch ? Oder doch. Immerhin hatte er studiert und meine Eltern nicht. Sollte er am Ende recht haben und meine Eltern unrechht ? Das würde ja bedeuten, dass unsere Nachbarn, die „Wasserpolen“ auch recht haben, und es heißt nicht „ölf-zwölf“, sondern „elf-zwelf“. Ich wollte meinen Vater fragen.

 

Mein Vater kam aus dem „Ermland“ Eine Gegend, in der wiederun eine ganz andere Mundart gesprochen wurde. Die Ermländer waren zugewanderte Rheinländer und somit die einzigen Katholiken im gesamten Ostdeuschen Raum. Selbst die besagten Masurischen „Wasserpolen“ wurden durch den preußischen Einfluss nach und nach immer evangelischer. Gefiel dem „Alten Fritz“ gar nicht, dass jetzt auf einmal wieder Katholiken nach Ostpreußen kamen, aber nun musste er ja zu seinem Wort stehen, weil er ja sagte, dass jeder nach seiner eigenen Fac,on seelig werden dürfe.

 

So blieb den Ermländern ihre Religion, aber der ursprünglich Rheinische Dialekt veränderte sich natürlich im Laufe der Jahrhunderte und wurde der typischen Ostpreußischen Mundart immer ähnlicher. Manches aber erinnerte noch an das Rheinland, z.B. der Name „Ermland“ selbst.  „erm“ bedeutet im Rheinischen „arm“. Die Rheinischen Zuwanderer hatten nichts, außer ihren fleißigen Händen, waren also arm (erm). Später allerdings hatten sie ebenso schöne Gutshöfe und Bestztümer, wie die anderen Ostpreußen auch.

 

„Mir schenke der Ahl e paar Blömsche“, singen die Kölner im Karneval. Fast genauso sprachen auch die Ermländer, nur etwas mehr ostpreußisch gefärbt. „We schenke de Ahl e poar Blömche“  Aber ich bin ja total vom Thema abgewichen. Ich fragte meinen Vater, ob ich nun „elf“ oder „ölf“ Jahre alt geworden wäre, und mein Vater mußte kleinlaut zugeben, in der Vergangenheit wohl zu sehr Dialekt gesprochen zu haben und meinte, dass wohl „elf“ die richtige Aussprache für die Zahl mit den zwei Einsen wäre.

 

Hatte mein Lehrer also doch recht- Und nicht nur er, sondern auch die Wasserpolen aus der Nachbarschaft. Also war ich „elf“ geworden. Und ein Jahr später sollte ich dann wohl „zwelf“ werden. Und so sollte es kommen, ein Jahr verging und ich besuchte nun das Gymnasium. Wieder gratulierte mir mein Klassenlehrer zum Geburtstag. Oberstudienrat Kolbowska. Er hatte auch studiert, noch mehr als mein Lehrer aus der Grundschule und zwar Mathematik. Also, wenn dieser Mann keine Ahnung hatte….? „Zwelf Jahre bin ich geworden, Herr Oberstudienrat“

 

Er sprach zu uns in der „dritten Person singular“ (womit wir wieder mal beim „Alten Fritz“ wären) und antwortete: „Er möge seine deutsche Aussprache verbessern und nicht zwelf sondern zwölf sagen.“ Mir fiel ein Stein vom Herzen. Mein Vater hatte recht und wusste das gar nicht. War doch klar, dass die „Wasserpollaken“ nicht recht haben konnten. Und auch mein Lehrer aus der Grundschule hatte sich geirrt. Ich war wieder richtig stolz auf meine Eltern. Es heißt also „neun, zehn, ölf, zwölf“, hatte ich auch in meinen fast 57 Lebensjahren immer wieder erleben müssen, dass es Leute gab, die „elf“ oder manchmal auch „zwelf“ sagten.

 

Kann mich alles nicht beeindrucken. Ebenso, wie ich weiß, dass es „ölf“ heißt, so weiß ich, dass unsere ölf Nationalspieler in diesem Jahr Fußball-weltmeister werden. Und sei es, beim „Ölf-Meter-Schießen“ . Darauf wette ich mein Schachspiel aus Ebenholz und echtem Ölfenbein.

 

Lustig war es auch, als ich wieder ein Jahr älter wurde und meinem Klassenlehrer sagte, dass ich nun „drölf“ Jahre geworden war. Er unterrichtete französisch und sagte nur „treize“ und dass ich doch ein frecher aber dennoch schlauer Schelm wäre. Daran habe ich nie gezweifelt.

 

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

Belvedere

 

Quelle: http://www.platinnetz.de

Comment ( 1 )

  1. erwin
    Hmm habe jetzt zum ersten mal gehört das Masuren Wasserpolen genannt wurden.Das Schlesische wurde doch Wasserpolnisch genannt-aber nicht wegen dem Wasser sondern weil es verwässert war durch Deutsche und Tschehische Wörter. Meine Omas hatten wenig Akzent-eine Evangelisch/Deutsch(Polnisch erst nach der Rückkehr 48 gelernt-die Leute wurden mit versprechen die nicht gehalten wurden zurück gelockt danach musste sie 30 Jahre auf Ausreise warten) die andere wohl Deutsch/Masurisch. Ja Pflinsen gab es bei uns auch-ich wunderte mich das die hier geborenen das nicht kannten... Ich kann mich aber erinnern das auch hier geborene Westfalen mal ÖLF sagten...

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