Salzburger in Ostpreußen

Während der Jahre 1709 bis 1711 hatte die Pest in Ostpreußen weite Landstriche entvölkert. Das betraf vor allen Dingen die Gebiete von Tilsit über Insterburg bis nach Masuren, also vorwiegend das ohnehin dünn besiedelte Gebiet der ehemaligen „Wildnis“, die jetzt wegen der Ansiedlung durch Litauer auch Preußisch-Litauen genannt wurde. Von der Bevölkerung Ostpreußens waren rund 40 Prozent Opfer der Pest geworden. Ganze Dörfer waren ausgestorben, viele Bauernhöfe standen leer. Bereits 1711 forderte Friedrich I. eine schnelle Wiederbesiedlung. Noch im selben Jahr gelang es, in den westlichen Gebieten überwiegend deutsche Siedler ins Land zu holen. Aber die Kolonisten reichten nicht, um auch in den östlichen gebieten ausreichend Menschen heimisch zu machen.

Um 1720 setzte wieder verstärkt eine Anwerbung ein, der insbesondere Schweizer, Pfälzer, Nassauer und Siedler aus dem Magdeburger Raum folgten. Größere Dörfer wurden zu Städten ausgebaut, um die Gegend nicht nur für Bauern, sondern auch für Handwerker interessant zu machen. So erhielt auch Darkehmen im Jahre 1725 das Stadtrecht. Erfolge in der Besiedlung waren zu verzeichnen, jedoch reichten die Menschen immer noch nicht für das „wüst“ gewordene Land aus.

Da bot sich mit einem anderen Ereignis eine Lösung an. Der Erzbischof von Salzburg verfügte am 31. Oktober 1731, dass die Protestanten binnen acht Tagen sein Gebiet zu verlassen hätten. Was war dort geschehen? Die katholische Geistlichkeit hatte mit Besorgnis die zunehmende Entwicklung des evangelischen Glaubens beobachtet und Maßnahmen eingeleitet, die das verhindern sollten. Bereits im 16. Jahrhundert hatte es Einzelausweisungen von Familien evangelischen Glaubens gegeben. 1615 wanderten 16 Familien aus Wagrein nach Mähren aus. 1685 verließen 2250 Bewohner das Land. Das sind 75%. Doch fand man später unter denen, die sich katholisch erklärt hatten, 286 Glaubensverdächtige, von denen 154 auswanderten. Das sind im ganzen für Wagrain 1839 Vertriebene, also fast 82% der gesamten damaligen Bevölkerung. 1731 sollten strenge Gesetze die Abtrünnigen zur Rückkehr zum katholischen Glauben veranlassen, nachdem viele grausame Repressalien nicht zum Erfolg geführt hatten. Deshalb hatten die Protestanten das Land kurzfristig ohne ihre Kinder unter 14 Jahren zu verlassen.

Die Chronik in Wagrain gibt Auskunft über Geschehnisse zu damaliger Zeit. Es seien hier nur einige genannt. „Der protestantische Pfarrer Eustach wurde hingerichtet. Zwei weitere protestantische Pfarrer wurden in der Festung Salzburg eingekerkert, bis sie verhungerten. – Im Jahre 1714 sandte Erzbischof Firmian zwei Richter nach Wagrain, um die Bauern umzustimmen.

– Beichtzwang: Gerichtsdiener führten die Bauern zum Beichten. – Jedes Messversäumnis, Beichtunterlassung, Fastenbrechen, wurde mit vier Gulden bestraft. Bei Wiederholung mussten 30 Pfund Mehl, 3 Pfund Butter, ein einjähriges Kalb und 3 Pfund Bienenhonig abgeliefert werden. – Trotz allen Strafen wagte Simon Ramsauer, den Priester auf der Kanzel auszuschimpfen und musste dafür einen Gulden bezahlen. – Die Bäuerin Kneset musste drei Tage am Pranger stehen, weil sie sagte: der katholische Glaube ist neu, der evangelische Glaube ist alt und der richtige Glaube. Als Gruß wurde eingeführt: Gelobt sei Jesus Christus. – Guebhart Vitus hatte einen Katechismus im Futtertrog versteckt, er musste ohne seine vier Kinder auswandern. Der 14-jährige Sohn lief aber mit, wurde aber in Teisendorf abgefangen und wieder zurückgeliefert. – Bei Barbara Kreuzberg überwog aber die Mutterliebe. Sie konnte es nicht fertig bringen, das Kind hinten zu lassen. Sie ließ sich katholisch einschreiben.“

Wegen der Verfolgungen durch die katholische Kirche wanderten aufgrund der Verfügung des Erzbischofs Firmian vom Oktober 1731 rund 30.000 Protestanten aus dem Salzburger Gebiet aus. Etwa 20.000 von ihnen folgten dem Angebot des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I., sich in seinem Land niederzulassen. Das Einwanderungspatent war am 2. Februar 1732 erlassen worden. In Regensburg wurden die Emigranten von einem hohen Beamten des Preußenkönigs in Empfang genommen. Sie erhielten Wegzehrung und sicheres Geleit. Die ersten Auswanderer trafen am 29. April 1732 in Potsdam ein und wurden im Schlossgarten vom König und seiner Gemahlin begrüßt. Dies traf auch für die folgenden Auswandererzüge zu.

In der Zeit vom 10. April 1732 bis zum 7. Mai 1733 hatten 33 Gruppen Salzburger mit 20.794 Menschen die preußische Grenze passiert. In Berlin wurden die Emigranten zu Land- und Seetransporten zusammengestellt. Die meisten gelangten auf dem Seeweg über Stettin nach Königsberg.

Eine Liste mit allen Namensvarianten (ca. 3400) ist im Juni 1999 von Susan Ferrill erstellt worden und im Internet unter folgenden Adresse einzusehen: http://www.rootsweb.com/~autwgw/exul/sn1.htm Die im Folgenden aufgeführten Familiennamen sind dem „Stammbuch der ostpreußischen Salzburger“ von Hermann Gollub entnommen: …Hoffmann, Hohenegger, Höll, Holle, Höllensteiner, Höllgruber, Hölzel, Holzinger, Holzlehner, Holzmann, Hopfgärtner, Hörl, Hoyer, Hubensatter, Huber…..

Jede Gruppe wurde von einem Beauftragten des Königs geleitet, der für die Versorgung und die Zahlung der Tagegelder an die Mittellosen verantwortlich war. Leider erreichten nicht alle das Ziel der Reise. Während bereits unterwegs Todesfälle zu beklagen waren, starben weitere 515 Personen auf der Schiffsreise kurz vor ihrem Endziel. In der Zeit vom 28. Mai 1732 bis zum 30. Juli 1733 trafen insgesamt 33 Schiffe mit 10.625 Salzburgern in Ostpreußen ein. Auf dem Landweg hatten von 5.533 Personen 5.243 Salzburger ihr Ziel erreicht. Unterwegs waren 290 Personen gestorben.

Im Juni 1732 brachen die ersten Transporte von Königsberg nach Gumbinnen auf. In Preußisch Litauen, dem späteren Regierungsbezirk Gumbinnen, wurden über 10.000 Salzburger angesiedelt. Ihrem Wunsch, in geschlossenen Gruppen zu bleiben, konnte nicht immer entsprochen werden. 1734 verzeichnete das Amt Insterburg 6.778 Salzburger, davon die Stadt Darkehmen 168 Personen.

Bereits bei früheren Ansiedlungen waren bestimmte Freijahre zugestanden worden. Da die Salzburger aber keine Scharwerksdienste leisten wollten, einigte man sich nach langen Verhandlungen auf den Erlass dieser Dienste, blieb aber bei einer zu leistenden Fuhre jährlich und Vorspann bei den Reisen des Königs. Die an die Kolonisten übergebenen Höfe blieben Besitztum der Kolonie oder wurden zu Erbpachten. Die Kolonie verpflichtete sich andererseits, gemeinsam für die Entrichtung der Abgaben zu haften. Dieser Sozietätsvertrag wurde am 17. September 1736 abgeschlossen und galt nur für die ländliche Bevölkerung. Mit Edikt vom 27. Juli 1808 wurde er aufgehoben. Auf der Grundlage des neuen Vertrages erhielt jeder Hofbesitzer eine Eigentums-Verleihungsurkunde. In einer weiteren Kabinettsorder vom 12. September 1811 wurde noch einmal auf die Einheit zwischen der alten Bevölkerung und den Eingewanderten hingewiesen.

Diese Verfügung war offensichtlich nach so langer Zeit noch notwendig. Für die einheimischen Bauern waren die hohen Steuern und Frondienste geblieben, während die Salzburger die ersten Jahre keine Steuern zu zahlen brauchten bei außerdem nur geringen Frondiensten. So brachte es die Entwicklung mit sich, dass die eingewanderten Salzburger zu wohlhabenden Bauern wurden, während die alteingesessenen Bauern sehr zu kämpfen hatten und zuweilen ihre Höfe verlassen mussten, um dann als Tagelöhner oder Schwarwerker zu arbeiten. Diese Tatsache führte natürlich zu Spannungen innerhalb der Landbevölkerung.

Zu den Salzburger Emigranten gehörten nicht nur Bauern, sondern auch viele Handwerker, die sich in den Städten und größeren Orten ansiedelten und dort mit ihren Erfahrungen beispielgebend wurden.

Gumbinnen entwickelte sich zum Zentrum der Salzburger. Hier wurde durch eine Kabinettsorder Friedrich Wilhelms I. im Januar 1740 das Salzburger Hospital gegründet, in dem 40 alte und kranke Salzburger aufgenommen werden. Aus dem Salzburger Hospital entstand die noch existierende Stiftung „Salzburger Anstalt Gumbinnen“. Bis 1945 wurden in Gumbinnen alte und bedürftige Menschen Salzburger Herkunft betreut. 1990 feierte die Stiftung in Bielefeld ihr 250-jähriges Bestehen. In der Tradition der Salzburger Emigranten und der Salzburger Anstalt Gumbinnen führt heute das „Wohnstift Salzburg“ in Bielefeld die christlich-diakonische Aufgabe fort.

Neben der Anstalt wurde 1752 in Gumbinnen die Salzburger Kirche gebaut. Wegen Baufälligkeit wurde sie 1838 abgetragen und neu aufgebaut. Die Einweihung der neuen Kirche fand am 15. Oktober 1840 statt. Im Krieg 1945 stark zerstört und später als Lager benutzt, entstand nach der Öffnung der Grenzen durch die Stiftung Salzburger Anstalt Gumbinnen in Gumbinnen eine neue Kirche, die am 15. Oktober 1995 eingeweiht wurde und der Ev.-luth. Gemeinde als Gotteshaus dient.

Am 22. Februar 1911 fand beim Salzburgerfest in Gumbinnen die Gründung des Salzburger Vereins statt. Bereits im März 1911 erschien das erste Heft „Der Salzburger – Mitteilungen des Salzburger Vereins Gumbinnen“. Der Verein blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bestehen. Die Wiedergründung erfolgte am 16. Mai 1954 in Bielefeld mit gleichzeitiger Verkündung, dass die Salzburger Landesregierung die Patenschaft über den Verein übernimmt. Seit 1963 erscheint wieder „Der Salzburger“. Anliegen des Vereins ist es heute vor allem, die Verbindung nach Gumbinnen zu erhalten und auszubauen, und die Familienforschung der Nachkommen salzburgscher Emigranten zu fördern.

Am 1. Juni 1998 wurde in Gumbinnen neben der Salzburger Kirche das Diakoniezentrum „Haus Salzburg“ eröffnet, das hauptsächlich aus Spenden errichtet werden konnte. Mit dieser Einrichtung wird die medizinische Betreuung der Bewohner in der Stadt und Umgebung wesentlich verbessert. Darüber hinaus kann durch Spenden eine Armenspeisung, insbesondere für bedürftige Kinder, durchgeführt werden. So gestaltet sich die Zuwanderung der Salzburger im Jahre 1732 über die Jahrhunderte und den Wandel der Zeit hinweg zu einem immer noch Früchte tragenden Ereignis für die Region um Gumbinnen.

Quellennachweis:

– „Die Provinz Ostpreußen“ von A. Ambrassat
– Informationen der Salzburger Vereinigungen, Bielefeld
– „Stammbuch der ostpreußischen Salzburger“
– „Chronik der Salzburger Emigranten zu Wagrain“
– Gumbinner Heimatbrief Nr. 1/00

Abdruck aus Angerapper Heimatbrief. Nachrichten aus Stadt und Kreis Angerapp/Darkehmen (Ostpr.) und der Patenstadt Mettmann. Dezember 2001, S. 28.

Entnommen aus http://www.woodele.de

Comment ( 1 )

  1. ReplyJoachim
    Guten Tag, in Ergänzung zu diesen Ausführungen empfehle ich allen Interessierten in Bezug auf die Salzburger Einwanderer die Teilnahme in dieser kürzlich eröffneten Informations- und Austauschliste: http://SalzburgerEmigranten.de/ Freundliche Grüße Joachim

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